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Frühjahrstagung am 29.03.2011 in Künzelsau

Unauffällig hat sich die industriegeprägte Hauptstadt des Hohenlohekreises in den letzten Jahrzehnten zu einem Museumsschwerpunkt in der Region entwickelt. Neben dem Museum Würth im Ortsteil Gaisbach und der Hirschwirtscheuer als Museum für die Künstlerfamilie Sommer gibt es dort seit 2007 in der Austraße das Mustang-Museum und seit letztem Jahr in der Schnurgassse ein neues Stadtmuseum. Das war für den Arbeitskreis Grund genug seine Frühjahrstagung in Künzelsau abzuhalten.

Das Treffen am 29. März im Mustang-Museum fand bei herrlichem Sonnenschein und Frühlingswärme statt. Klaus Megerle, der Museumsleiter, begrüßte die Mitglieder aufs herzlichste und führte mit seiner Frau die ca. 30 angereisten Museumsfachleute kompetent und unterhaltsam durch die Villa des Gründerehepaars. So erfuhr man Interessantes über die Firma, die mit der Verbreitung und Popularisierung der Jeans ein Stück Kulturgeschichte geschrieben hat. Die „Cowboy-Hosen“, wie die Jeans in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ursprünglich genannt wurden, gab es zunächst nur für Männer. Die später für das weibliche Geschlecht hergestellten Beinkleider durften nur seitliche Reißverschlüsse haben, die vorderen Verschlüsse galten als unfeminin, beinahe obszön. „Heute produzieren wir ausschließlich in Fernost, sonst wären wir nicht mehr konkurrenzfähig“, erklärte Klaus Megerle und fügt hinzu, dass das Unternehmen Mustang mit einem Umsatz von 110 Millionen Euro eines der größten Textilunternehmen der Region ist.

 

Nach dem ausführlichen Rundgang begab sich die Gruppe in das neue Stadtmuseum, unmittelbar neben dem Museum Hirschwirtscheuer in der Schnurgasse. Stadtarchivar und Museumsleiter Stefan Kraut erläuterte dort die Geschichte des Gebäudes vom Beginn des 17. Jahrhunderts, das zuletzt eine Bäckerei war. Stadtgeschichtliche Objekte werden in Künzelsau bereits seit dem19. Jhd. gesammelt. Die neuen, hierfür bestimmten Räumlichkeiten sind bisher noch äußerst spärlich bestückt; damit will man ganz bewusst die Vorläufigkeit der Situation herausstellen. Herr Kraut betonte, dass die Entwicklung der Sammlungspräsentation kontinuierlich fortschreiten solle. Die Hochwertigkeit der Exponate wie z.B. eine Johannesbüste aus dem 15. Jhd. oder ein seltener Gebärstuhl aus dem 17. Jhd. lassen Vielversprechendes für die Zukunft erwarten.

 

Nach der Mittagspause referierte Matthias Burzinski von der Gruppe 2508 Kultur- und Tourismusmarketing-GmbH aus Bonn über das Projekt „Entwicklung von Kulturreisen im ländlichen Raum“. Einige überraschende Ergebnisse brachte der Vortrag: Reisen gehören nicht unbedingt zu Kultur, Kultur ist aber oft wesentlicher Bestandteil einer Reise. Für Verwunderung sorgte der Fakt, dass hauptsächlich Frauen die treibende Kraft bei Kulturreisen sind, Männer eher als „Begleiter“ klassifiziert werden. Daneben existiert als Besuchergruppe noch der „Stolperer“, das sind z.B. Wanderer, Rucksacktouristen oder Fahrradreisende, die ein Kulturziel eher zufällig entdecken. Wichtig sei es, so Burzinski, immer wieder neue Reiseanlässe zu schaffen. Aktive Ansprache an spezielle Besuchergruppen in Prospekten, Websites, Social Networks o.ä. müsse erfolgen, am besten mit Themen-Anlässen wie es z.B. mit dem „Staufer-Jahr“ im Raum Speyer/Mannheim vorgemacht wurde. Kooperationen mit Gastronomie und Hotellerie sind besonders dann wichtig, wenn beispielsweise „Sammler“, die möglichst viel sehen wollen, angesprochen werden sollen. Diese verweilen meist länger an einem Ort. „Reiseboxen“ mit verschiedenen Gutscheinen sind flexibel an Individualtouristen zu vermitteln, weil kein Termin- oder Aktionszwang herrscht. Nach einer kurzen, aber angeregten Diskussion konnte man als Ergebnis mitnehmen, dass hier nicht alles umgesetzt werden könne, was zur Sprache gekommen war, dass aber die schlechteste Lösung die sei, gar nichts zu tun. Im Vorstand wird man sich intensiv über die Anregungen von Herrn Burzinski beraten und überlegen, welche Projekte man mit den Tourismusorganisationen der Region für die Region ausarbeiten kann, zum Beispiel einen Museumsplan im Bezug zu den Lehrplänen der Schulen.

 

Friedrich König, der erste Vorsitzende und frühere Bürgermeister von Kirchberg/Jagst, leitete damit zur Mitgliederversammlung im voll besetzten Tagungsraum des Stadtmuseums über. Der Arbeitskreis begrüßte vier neue Mitglieder, zwei Privatpersonen und als Institutionen das Stadtmuseum Künzelsau und die Synagoge in Michelbach an der Lücke, Gemeinde Wallhausen. Frau Dippon und Frau Seibold vom Förderverein stellten die jüdische Gedenkstätte in dem Gebäude von 1757 vor, das wegen der Einfügung in die Bebauung des Dorfes in der Reichspogromnacht 1938 nicht angezündet wurde. In einer Schweigeminute gedachten die Tagungsteilnehmer Ralf Lüdicke vom Museum „Külsheimer Höhe“, der bei der Herbsttagung 2010 noch durch das Haus geführt hatte und kurz darauf, im Alter von nur 38 Jahren, verstarb. Danach präsentierte Dr. Hellmuth Möhring, 2. Vorsitzender des Arbeitskreises, zwei Angebote zur Neugestaltung der Homepage des Arbeitskreises mit der Darstellung von jetzt 84 Museen, Schlösser und Sehenswürdigkeiten. Letztlich beschloss man per Votum, die Gestaltung dem Vorstand zu überlassen mit der Maßgabe, auf das Corporate Design zu achten und die nicht einfache Gebührenstruktur zu durchforsten. Die neue Homepage soll bis zur Herbsttagung fertiggestellt sein.

 

 

 

Herbsttagung am 4.10.2011 in Niederstetten

Walter Krüger erläutert die Niederstettener Geschichte

Niederstetten umfasst sechs museale Einrichtungen und ist nominell damit eines der bedeutendsten Mitglieder des Arbeitskreises neben Rothenburg und Schwäbisch Hall. Da der Ort zudem im Herzen des Wirkungskreises der Arbeitsgemeinschaft liegt, war es nicht verwunderlich, dass immerhin fast 40 Vertreter musealer, kirchlicher und staatlicher Institutionen angereist waren. Sie wurden bei herrlichstem Spätsommerwetter von Norbert Bach, dem Kulturamtsleiter, im Kultur- und Literaturtreff (KULT) empfangen und herzlich willkommen geheißen.

Walter Krüger, zweiter Bürgermeister und Vorsitzender des Heimatvereins Niederstetten, entschuldigte zunächst Bürgermeister Rüdiger Zibold und führte anschließend kenntnisreich und humorvoll in die Niederstettener Geschichte ein. Er sparte nicht mit der Schilderung von historischen Details, von denen es in der langen Ortshistorie eine ganze Anzahl  gibt. So erfuhren die erstaunten Mitglieder, dass z.B. 1848 in Niederstetten während der Zeit des Vormärz ein veritabler Aufstand stattfand, dem das hohenlohische Rentamt zum Opfer fiel. Der Hintergrund war allerdings kein unmittelbar politischer, sondern eine Doppelbesteuerung von König und dem Haus Hohenlohe hatte zu dem Ausbruch geführt. So schilderte Walter Krüger viele Anekdoten und machte damit die Geschichte lebendig.

Die Mitglieder des Arbeitskreises vor dem KULT

Danach schloss sich eine kurze Besichtigung des KULT an, das als multifunktionaler öffentlicher Raum dient: Bücherei, Museum, Veranstaltungsraum, Musikschule und vieles mehr. Die Mitglieder des Arbeitskreises waren natürlich besonders interessiert an der musealen Gestaltung, die sich vor allem der Geschichte von Albert Sammt, einem Luftfahrtpionier, widmet. 1889 geboren, war er schon 1919 Steuermann des Zeppelins "Bodensee" und überlebte schließlich die Katastrophe von Lakehurst als Offizier der "Hindenburg".  Erst 1982 verstarb er in seiner Heimatstadt, die ihn zum Ehrenbürger gemacht hatte.

Ein Bild des durch eine Fliegerbombe zerstörten Niederstettener Rathauses

Auf der sich anschließenden Stadtführung begeisterte Walter Krüger wiederum mit seinem Detailwissen und seiner lebendigen Erzählweise. So erfuhren die Tagungsteilnehmer, dass das Rathaus 1945 durch die einzige Fliegerbombe, die auf die Stadt niederging, zerstört wurde - just in dem Moment, als der Bürgermeister bemerkt hatte, dass er seinen Rathausschlüssel zuhause vergessen hatte und umgekehrt war. So entging das Stadtoberhaupt dem sicheren Tod.

 

Prof. Dr. Markus Walz von der HTWK in Leipzig bei seinem Vortrag

Nach dem Mittagessen in der "Krone" fand - wiederum im KULT - die Sitzung des Arbeitskreises statt. Als Fachmann hatte man Prof. Dr. Markus Walz von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig gebeten, einen Vortrag zum Thema "Gegenwartssammeln - Dilemma oder Chance?" zu halten. Vielen der Anwesenden dürfte bei seinen kompetenten und sachlich analytisch dargebrachten Argumenten bewusst geworden sein, wie schwierig diese Thematik eigentlich ist. Welche Objekte soll ein Museum für die Zukunft ankaufen? Wie begrenze ich meine Sammlung und bleibe trotzdem repräsentativ? Welche Sammlungskonzepte führen die Museen aktuell durch? Diese Fragen wurden kontrovers behandelt und die Teilnehmer erhielten durch den angeregten Diskurs viele neue Eindrücke und Impulse.

Anschließend präsentierte der zweite Vorsitzende des Arbeitskreises, Dr. Hellmuth Möhring aus Rothenburg, die Neugestaltung der Homepage, die das Medienhaus rotabene neu aufgesetzt hat. Neben dem moderneren, dem "Corporate Design"-angepassten Layout ergeben sich dadurch auch viele Vorteile für den Benutzer wie z.B. das interaktive Google-Maps-Plugin, in dem man die Museen in der Region exakt bis zu seinem genauen Standort heranzoomen und auf Klick direkt den integrierten Eintrag ansehen kann. Wie Dr. Möhring ausführte, soll die Freigabe im Netz in wenigen Tagen erfolgen, wenn einige wenige Korrekturen eingebaut seien.

Mit der Aufnahme neuer Mitglieder schloss die Versammlung. Aufgenommen wurden die Löchnersche Schmiede in Langenburg, das "Museum Führungskultur" auf dem Trillberg in Bad Mergentheim und insgesamt vier Einrichtungen in Forchtenberg. Bevor es dann nach Wildentierbach zur Besichtigung des "Kleinstarrests" ging, legte man noch den Tagungsort Grünsfeld für das nächste Mitgliedertreffen im Frühjahr fest.

Die Wehrkirche Wildentierbach mit dem "Kleinstarrest" im Torturm

In dem Turm der Wehrkirche Wildentierbach befindet sich eine Zelle, die in früherer Zeit als Arrestzelle genutzt wurde. Herr Krüger hatte sich bereit erklärt, den Mitgliedern dieses seltene kulturhistorische Bauwerk zu zeigen und zu erläutern. Dabei zeigte sich, dass das Hohenloher Freilandmuseum in Schwäbisch Hall - Wackershofen eine ähnliche Einrichtung in sein Ensemble aufzunehmen im Begriff ist. Die Problematik besteht - so der Vertreter Herr Hahn - nicht in der baulichen Translozierung, sondern vielmehr in der Rekonstruktion der Einrichtung. Stuhl, Tisch, Ketten, Toilettenschüssel - was davon gab es und wie sah das aus, welche Materialien verwendete man?

Angereichert mit Eindrücken endete die Tagung am späten Nachmittag.

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